top of page

Von den Spirits berufen: Über meine Rolle als Schamane für Mensch, Erde und Gemeinschaft

Schamane Hamburg - Heilpraktiker Thomas Börner: Feuerritual

Immer wieder erhielt ich in den letzten Jahren Anfragen von SchülerInnen, StudentInnen und JournalistInnen, die etwas über den Schamanismus, meine Lebensweise oder meine Tätigkeit erfahren wollten. Sie wollten verstehen, was hinter Trommelklängen, Ritualen und schamanischer Arbeit steckt.


Ich teile mein Wissen gern, weil es mir wichtig ist, aufzuklären und Menschen Einblicke in diese oft vielleicht geheimnisvolle, nicht direkt greifbare Welt zu geben. Für mich gehört diese Aufklärung selbst zu den wesentlichen Aufgaben eines Schamanen/einer Schamanin.


Vor Kurzem hat mich eine Schülerin eines Gymnasiums angeschrieben. Im Rahmen ihres Seminarfachs schreibt sie eine Facharbeit zum Thema Selbstverständnis medialer und schamanischer Heiler und bat mich um ein kurzes Interview, um meine Erfahrungen und Sichtweisen als Schamane als empirische Quelle für ihre Arbeit nutzen zu können.


Im Folgenden kannst Du unser Interview lesen. Wenn Du die schamanische Welt nur aus der Ferne kennst, bekommst Du hier die Möglichkeit, einen Schritt näher zu treten und hinter die Kulissen zu schauen.


Schamane Hamburg - Heilpraktiker Thomas Börner

Was siehst Du als Deine zentrale(n) Aufgabe(n)/deinen Auftrag als Schamane an?


Zunächst ist es vielleicht wichtig zu verstehen, dass es "den einen Schamanen" oder "die eine Schamanin" nicht gibt. Jede Person, die schamanisch arbeitet, bringt ihre ganz eigenen Zugänge, Erfahrungen, Begabungen und auch kulturelle sowie persönliche Hintergründe ein.


Schamanismus ist keine uniforme Praxis, sondern ein sehr individuelles Feld. Und deshalb unterscheiden sich auch die Aufgaben und Schwerpunkte von Schamane zu Schamane stark. Was ich Dir also hier erzähle, spiegelt mein persönliches Rollenverständnis und meinen Weg wider.


Ich verstehe meine Aufgabe darin, Harmonie und Balance zu fördern: im Inneren des Menschen, im Miteinander und im Verhältnis zwischen unserer Welt und der Anderswelt. Das bedeutet für mich, für die Gemeinschaft da zu sein – als Seelsorger, der zuhört und begleitet, als Zeremonienhalter, der Rituale für Übergänge, Heilung und spirituelle Verbindung gestaltet, und als Mensch, der versucht, ein ethisches und ökologisches Weltverständnis im eigenen Handeln zu leben. Meine Arbeit und auch mein Leben stehen für mich daher immer im Dienst eines größeren Ganzen.


In meiner Praxis begleite ich Menschen auf körperlicher, psychischer und spiritueller beziehungsweise energetischer Ebene. Mein Anliegen ist es, sie dabei zu unterstützen, mögliche Ursachen innerer Blockaden zu erkennen, eigene Ressourcen zu aktivieren und den Herausforderungen des Lebens bewusster zu begegnen. Menschen in Krisen oder in Zeiten persönlicher Entwicklung zu begleiten, gehört zu meinen unmittelbarsten Aufgaben.


Dabei erlebe ich mich mitunter als Vermittler zwischen der sichtbaren Welt und geistigen Ebenen. In Trancezuständen oder rituellen Handlungen entstehen Bilder, Einsichten und Impulse, die Orientierung geben, oder innere Prozesse anstoßen können. Ich verstehe mich dabei weniger als Handelnder, sondern eher als ein Gefäß oder Kanal, durch den solche Erfahrungen möglich werden können.


Gleichzeitig verstehe ich meinen Auftrag auch als den eines Lehrenden und Begleitenden: Ich unterstütze Menschen dabei, die spirituelle Dimension ihres eigenen Erlebens wahrzunehmen und einen Zugang zu ihrer inneren Weisheit zu finden. Durch Bewusstseinsveränderung, gegenseitige Inspiration, Rituale und Impulse können sie lernen, ihre eigene Intuition und ihre Verbindung zur Natur bewusster zu erfahren. Mein Ziel ist es, dass Menschen nicht von mir abhängig werden, sondern ihre eigene Wahrnehmung stärken und ihren persönlichen Weg selbstständig gehen können.


In meinen schamanischen Reisen durfte ich durch die Begegnung mit den Spirits immer wieder Einsichten über das Leben und den Tod, über Zusammenhänge und über das Menschsein erfahren. Dabei entstand für mich zunehmend das Gefühl, dass diese Erfahrungen nicht nur für mich selbst bestimmt sind. Immer wieder wurde ich von den Spirits gewissermaßen dazu aufgefordert, das Erkannte mit meinen Mitmenschen zu teilen.


Das ist jedoch nicht immer einfach, denn die Bilder und Botschaften, die in schamanischen Reisen erscheinen, sind oft sehr symbolisch, manchmal abstrakt oder so außerweltlich, dass sie sich nur schwer in unsere alltägliche Sprache übersetzen lassen. Worte allein reichen häufig nicht aus, um das Erlebte wirklich zu vermitteln.


Deshalb wähle ich andere Wege des Ausdrucks: Ich arbeite mit Geschichten, mit Symbolen und rituellen Bildern. Manchmal geschieht diese Vermittlung auch durch künstlerische Formen wie Lieder oder durch schauspielerische Elemente innerhalb von Ritualen, Zeremonien und Festen.


Auf diese Weise versuche ich, das Unsichtbare erfahrbar zu machen – nicht durch fertige Antworten, sondern durch das Halten eines Raumes, in dem Menschen sich selbst, dem Leben und dem größeren Zusammenhang wieder näherkommen können.


Schamane Hamburg - Heilpraktiker Thomas Börner: Räucherritual

Wie bist Du auf Schamanismus gestoßen/wie bist Du Schamane geworden?


Mein Weg zum Schamanismus begann nicht mit einer bewussten Entscheidung, sondern mit einer inneren Suche, die mich eigentlich schon seit meiner Kindheit begleitete. Schon früh haben mich die großen Fragen des Lebens beschäftigt: Woher kommt das alles? Was trägt und bewegt das Leben hinter dem Sichtbaren? Die üblichen Antworten haben sich für mich nie vollständig angefühlt. Vielmehr war da immer das leise Empfinden, dass es noch eine tiefere Ebene gibt, die sich nicht allein mit dem Verstand erfassen lässt. Diese hinterfragende Haltung behielt ich stets bei.


Wirklich greifbar wurde diese Suche nach Antworten Mitte meiner Zwanziger, als ich Erfahrungen machte, die sich kaum in gewöhnliche Worte fassen lassen – intensive Träume und innere Begegnungen, die ich mir, wie ich gern sage, nicht hätte erträumen können. Sie hinterließen das Gefühl, dass etwas mit mir in Kontakt trat, das größer war als mein gewohntes Alltagsbewusstsein. Die Verbindung zur Erde und ihrer Natur, zu spirituellen Themen und zu einer ganzheitlichen Sicht auf das Leben waren zwar schon seit meiner Jugend Teile meines Lebensweges, aber immer mit viel Skepsis. Magie, Rituale und Geistheilung waren eine nette Vorstellung, aber obwohl mich das faszinierte, glaubte ich nicht wirklich, dass es so etwas gibt. Auch hatte ich da noch keine eigenen, für mich überprüfbare Erfahrungen gemacht und ich bin nicht der Typ Mensch, der einfach glaubt, was er nicht sehen, oder erleben kann. Aber dann kamen die Erlebnisse und Erfahrungen und das musste ich erstmal einordnen!


Auf der Suche nach Orientierung begegnete ich unter anderem Menschen, die schamanisch arbeiteten. Durch Seminare, eigene Praxis und Selbststudium lernte ich erste Techniken wie die schamanische Reise kennen. Dabei stellte ich überrascht fest, dass mir dieser Zugang ungewöhnlich leichtfiel und sich zugleich vertraut anfühlte – weniger wie etwas Neues, das ich lernen musste, sondern eher wie ein Erinnern an etwas bereits Vorhandenes.


Den eigentlichen Ruf, den ich heute als Beginn meines Weges als "Schamane" sehe, nahm ich im Jahr 2014 bewusst wahr. Seitdem gehe ich diesen Weg Schritt für Schritt weiter. Und ich darf dabei dem Großen Geist und seinen "verlängerten Armen" - den Spirits - vertrauen, das wird mir immer wieder gezeigt, selbst wenn es mal schwierig wird in meinem Leben. Heute erlebe ich die Spirits und ihre Energien. Ich muss nicht glauben, was ich ja auch nie wollte. Meiner Sehnsucht, verstehen zu wollen, bin ich näher gekommen und doch sage ich bis heute: "Ich weiß, dass ich nichts weiß!" Heute fühlt sich das gut und befreiend für mich an, denn ohne zu wissen wer/was/warum habe ich intuitiv verstanden, dass es einen guten Grund gibt, warum sich das große Mysterium nicht offenbart. Ich fühle dabei heute ein liebevolles Urvertrauen und Ehrfurcht ohne Angst. Dahin wäre ich wahrscheinlich ohne meine schamanischen Erfahrungen nicht gekommen.


Das schamanische Hand- und Geistwerk durfte ich von Lehrerinnen und Lehrern aus dieser Welt lernen und mich inspirieren lassen, aber auch aus Erfahrungen, die ich als Begegnungen mit der geistigen Welt erlebte. Meine Praxis als Schamane ist keine starre Tradition, sondern ein sehr persönlicher Zugang, ein eigener Tanz zwischen Erfahrung, Ritual, dem Leben und meinen Brüdern und Schwestern, die mir begegnen und die mir regelmäßig Impulse geben, die mich in meiner Berufung weiterentwickeln.


Seit 2021 begleite ich Menschen in eigener Heilpraktikerpraxis mit schamanischen Heilweisen und naturheilkundlichen Verfahren. Dabei ist es mir auch ein besonderes Anliegen, spirituelle Erfahrung und Zeremonie wieder näher in unseren heutigen Alltag und unsere Gesellschaft zu bringen. Allerdings undogmatisch. Ich bin kein "Guru" und möchte auch keiner werden. Vieles von dem, was einst selbstverständlicher Teil gemeinschaftlichen Lebens war, ist in unserer Kultur verloren gegangen. Meine Arbeit verstehe ich deshalb auch als einen Versuch, Räume zu öffnen, in denen Menschen diese Verbindung wieder neu erfahren können – auf ihre ganz eigene Weise.


Schamane Hamburg - Heilpraktiker Thomas Börner: Schamanengewand

Wie siehst Du Dich selbst in deiner Rolle als Schamane hinsichtlich Deiner Funktion beim schamanischen Heilen?


In meiner Rolle als Schamane sehe ich mich nicht als Heiler im klassischen Sinn – also nicht als jemand, der andere Menschen "heile macht" oder unmittelbar, wie von Zauberhand gesund werden lässt.


Vielmehr verstehe ich meine Funktion darin, Räume, Impulse und Hilfestellungen anzubieten, die es ermöglichen, die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Heilung ist für mich etwas, das bereits in jedem Menschen vorhanden ist. Meine Aufgabe ist es, dieses Heilsein (oder auch: heilig sein/seelig sein/in Frieden sein!) in ihnen wahrnehmbar zu machen, zu unterstützen und zu begleiten. Das bedeutet übrigens nicht automatisch, dass keine Krankheiten, Symptome oder Herausforderungen im Leben mehr bestehen!


Ich mag dieses Zitat von Albert Schweitzer sehr und habe es deshalb seit erster Stunde auf meiner Homepage:


"Hexendoktoren sind auf die gleiche Art erfolgreich, wie die übrigen Ärzte Erfolge haben. Jeder Patient hat seinen eigenen Arzt in sich. Sie kommen zu uns mit dem Wissen um die Heilung. Wir sind am besten, wenn wir dem Arzt, den es in jedem Patienten gibt, eine Chance geben, mit seiner Arbeit zu beginnen."


Diese Haltung ist in vielen Kulturen seit Jahrhunderten ein Grundprinzip schamanischer Arbeit. Schamanen werden dort nicht primär als allmächtige Heiler gesehen, sondern als Vermittler zwischen Menschen, Natur, Geist und Gemeinschaft. Sie öffnen Räume, bringen Impulse, Geschichten, Rituale und Symbolik ein, durch die Menschen sich selbst, ihre Blockaden und Ressourcen erkennen können. Die Heilung entsteht so aus der eigenen Kraft der Person, begleitet von den unterstützenden Energien, die der Schamane kanalisiert.


In meiner Praxis bedeutet das konkret: Ich beginne jede schamanische Behandlung damit, den Menschen und sein Anliegen kennenzulernen, die Ausgangssituation zu erfassen und gemeinsam zu klären, welche Wege der Unterstützung sinnvoll sind. Ich arbeite mit Ritualen, Trance, symbolischer Arbeit oder Naturimpulsen, wobei sich der Ablauf immer an dem orientiert, was sich in dem Moment zeigt. Es gibt keinen starren Ablauf, keinen vorgefertigten Therapieplan und schon gar keine stante-pede-Heilungen – stattdessen einen fließenden Prozess von Ankommen, Verbinden, Öffnen, Kreieren, Integrieren und Verabschieden.


Mein Ziel ist, Menschen so zu begleiten, dass sie selbst erfahren, welche Kräfte in ihnen und um sie herum wirken und wie sie diese aktivieren können. Ich sehe mich dabei als Lehrer, Begleiter und Unterstützer – nicht als jemand, der die Verantwortung für ihre Heilung übernimmt.


Heilung ist immer ein gemeinsamer Prozess, in dem der Mensch selbst die Hauptrolle spielt. Mein Beitrag besteht darin, Orientierung, Impulse und einen sicheren Rahmen zu geben, in dem Selbstheilung möglich wird.


Schamane Hamburg - Heilpraktiker Thomas Börner: Ritual am Wasser

Siehst Du Schamanismus als eigenständige Religion an und inwiefern?


Bevor ich die Frage konkret beantworte, würde ich vielleicht kurz erklären, wie ich selbst den Unterschied zwischen Religion und Spiritualität sehe.


Für mich ist Religion etwas, das oft sehr feste Strukturen, Rituale, Gebote und Institutionen hat – Dinge, die verbindlich und über viele Menschen hinweg organisiert sind.


Spiritualität hingegen ist eher ein persönlicher Weg, ein Zugang zu inneren Erfahrungen, zu einer tieferen Verbindung mit sich selbst, der Natur und mit geistigen Kräften. Sie ist lebendig, wandelbar und sehr individuell – wie das Leben selbst.


Das schließt nicht aus, dass Spiritualität auch gemeinschaftlich organisiert sein kann. Im Gegenteil: Sie lebt von der Gemeinschaft - von Festen, Übergängen, Kreisen, Zeremonien und Ritualen, in denen wir gemeinsames tun und erfahren und die gleiche oder eine ähnliche Sprache sprechen. Hier ist es ja auch unabdingbar, Abläufe und Aufgaben gemeinsam festzulegen, sonst kommen wir nicht zusammen und es herrscht ein größeres Chaos vor, als vielleicht gewünscht.


Schamanismus ist für mich in erster Linie ein spiritueller Weg, kein religiöser. Ich lebe ihn beruflich und privat, in Ritualen, Gebeten, Zeremonien und im Alltag. Ich ehre und heilige, was lebt, ich habe Respekt und Achtung vor allem, auch vor dem, was größer ist als ich selbst.


In einem Sinn, der es vielleicht aber verständlicher macht, kann man durchaus sagen, dass Schamanismus für mich schon etwas wie eine "persönliche Religion" ist – nicht dogmatisch, nicht vorgeschrieben, sondern gelebte Praxis, persönliche Haltung und spirituelle Verbundenheit zugleich.


Schamanismus ist in den meisten Kulturen, in denen er traditionell verwurzelt ist, kein eigenständiges Religionssystem im klassischen Sinn. Er ist oft integraler Bestandteil umfassender Weltbilder, in denen Spiritualität, Alltagsleben, Naturverbundenheit und Gemeinschaft eng miteinander verwoben sind.


Schamanen sind aber schon auch spirituelle Bezugspersonen für die Gemeinschaft. Man kann sie sich vorstellen wie Hüter des Feuers: Sie halten das Licht am Brennen, sodass alle sich daran orientieren, Wärme und Orientierung finden.


Ähnlich wie Pastoren in einer Kirche führen Schamanen Rituale durch, halten Zeremonien für Übergänge im Leben und begleiten Menschen seelsorgerisch, indem sie die Gemeinschaft mit der spirituellen Dimension verbinden – dabei nicht als Autorität, sondern als Vermittler, Ratgeber und Bewahrer des kollektiven Lebensgefühls.


In der Kirche ist das anders: Amtsträger wie Pastoren oder Priester werden nicht einfach von der Gemeinschaft gewählt, sondern erhalten ihre Stellung durch einen institutionellen Berufungs‑ und Weiheprozess, der durch bestimmte Rituale, Ausbildung und kirchliche Anerkennung geprägt ist. Da ist der Papst Autorität, der Stellvertreter Gottes auf Erden. Kirchenamtsträger erhalten durch diese Autorität ihr Amt und die damit verbundene Befugnis. Die Gemeinde kann zwar segnen und zustimmen, aber die Entscheidung über die Berufung liegt innerhalb dieser strukturierten kirchlichen Ordnung.


Bei Schamanen hingegen spielt die spirituelle Berufung und die Anerkennung durch die Gemeinschaft eine zentrale Rolle. Schamanen werden nicht durch ein festgelegtes Amt „eingesetzt“, sondern ihre Rolle entsteht aus inneren Erfahrungen, dem Ruf, den sie wahrnehmen, und der Bestätigung durch die Gemeinschaft, die ihre Gabe erkennt. So ist der Weg in diese Rolle oft ein organischer, gemeinschaftlicher und spirituell gelebter Prozess – nicht ein extern zugewiesenes Amt, sondern ein erwachsenes Erkennen und Annehmen einer Verantwortung, die sowohl von innen als auch von außen bestätigt wird.


Schamane Hamburg - Heilpraktiker Thomas Börner: Ritual am Wasser

bottom of page