top of page

Eine Begegnung mit dem Tabakgeist ~ Reportage von Annekatrin Stoll

Tabak zur Entschlackung der Seele: Für einen Hamburger Schamanen ist das die gängige Praxis. Wie man zu einer solchen Berufung findet und wie eine Tabakzeremonie

funktioniert.




Lachen und Rufen dringen aus dem Garten der Kindertagesstätte, am Straßenrand sitzen

Jugendliche, hören Musik und paffen Vapes. Der Wind rauscht in den Baumkronen, goldene Blätter trudeln auf den Gehweg. Hier, in einem dieser Backsteinhäuser, werde ich gleich dem Geist von Mapacho begegnen.


Ich sitze auf einem dicken Fell auf dem Sofa in Thomas Börners Wohnzimmer, das zugleich seine Praxis ist. Wir trinken Tee, der nach Süßholz schmeckt. Von irgendwo erklingt ein Vogelzwitschern und ab und an leise, melodische Töne. Börner ist ein Schamane. Er ist 38 Jahre alt, trägt Filzpantoffeln, über seine Hände ziehen sich Tattoos aus abstrakten Ornamenten.


Weckruf aus der geistigen Welt


Bevor er Schamane wurde, war Börner zehn Jahre lang in der Immobilienwirtschaft. Doch sein Beruf erfüllte ihn immer weniger, bis er sich zur Arbeit zwingen musste. „Es war, als müsste ich jeden Tag ein Kostüm anziehen“, erinnert sich Börner. Er orientierte sich neu, begann eine Ausbildung zum Heilpraktiker und zum Krankenpfleger. Dabei erlebte er einen „Weckruf aus der geistigen Welt“, wie er ihn nennt: Er hatte Träume von ganz besonderer Tiefe und Färbung. Um sie zu verstehen, nahm er an Trommelreisen teil und entdeckte den Schamanismus für sich. Obwohl es für ihn weniger Sicherheit und nur ein Drittel des Einkommens bedeutete, schlug er diesen neuen Weg ein. Und fühlte sich vom ersten Moment glücklich: „Ich glaube, das liegt in der Seelenberufung.“


Auf Reisen nach Südamerika fand Börner viel Inspiration, auch wenn seine Rituale nicht denen der indigenen Völker gleichen: „Das fühle ich nicht, ich bin dort auch nicht geboren.“ Scherzhaft bezeichnet er seine Arbeit als Wohnzimmer-Schamanismus und sagt, manche würden das belächeln. Doch das, was er tue, entspreche den Wünschen der Menschen, die ihn besuchen. Und nicht jede schamanische Erfahrung muss so extrem sein wie jene, die er auf seinen Reisen erlebt hat. „Die meisten wollen nicht wie ich irgendwo in Südamerika kotzend durch den Dreck kriechen“, meint Börner schmunzelnd.


Seine Klienten stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Viele wissen anfangs nicht genau, was sie herführt. Glauben an den Schamanismus brauchen sie nicht, Offenheit und Interesse genügen. Auch skeptisch zu sein, sei kein Problem, sagt Börner. Jeder solle das Erlebte auf seine eigene Weise verarbeiten, denn: „Ich bin kein Guru oder so etwas.“


Energetische Reinigung durch den Tabakgeist


Heute führt er ein Ritual mit selbst angebautem Tabak durch, eine energetische Reinigung. Aller Ballast, der auf der Seele liegt, soll dabei mit der Hilfe von Mapacho, dem Tabakgeist, nach draußen strömen. Börner warnt, dass sich das durch Schwitzen äußern könne, aber auch durch Harndrang oder Erbrechen. Vorsichtshalber stellt er einen Eimer auf und fragt mich, ob ich damit einverstanden bin, und auch damit, dass er mich bei der Zeremonie berühren wird.


Er stopft eine Holzpfeife und zündet sie an. Dann bläst er den Rauch in die vier Himmelsrichtungen. Ich sitze auf dem Sofa, während der Dunst den Raum erfüllt und in meine Lungen kriecht, herb und schwer. Der Schamane bläst er den Rauch vor mich, an mir vorbei, über mich hinweg. Ich schließe die Augen, spüre einen Druck auf meinem Kopf und auf meinen Ohren. Dann beginnt der Schamane auf Spanisch zu singen. Später erklärt er mir, dass er in den Liedern den Geist von Mapacho anspricht:


Wasche uns, reinige uns, und auch: Herz, öffne dich.


Der Rauch und der Klang der Worte umgeben mich, fließen über meine Schultern und den Rücken hinab. Der Schamane nimmt meine flach aneinander gelegten Hände und zieht daran, als ziehe er die Fremdkörper heraus, während ich dagegen lene.


Mapachito, cura nos, mapachito limpia nos …


Durch den Dunst saugt er ein und spuckt mit Schwung in den Eimer.


Rückkehr in die Sphäre der Wirklichkeit


Als ich die Augen öffne, verwehen letzte Nebelschleier in den Sonnenstrahlen. Die Balkontür steht offen, frische Luft und Licht strömen herein. Thomas Börner ist bereits in die Realität zurückgekehrt. Er plaudert fröhlich und packt die Pfeife weg. Ich selbst bin immer noch irgendwie woanders.


Zwar schwitze ich weder besonders, noch muss ich mich erbrechen. Etwas schwindelig ist mir allerdings schon. Laut Börner fühlen sich viele emporgehoben, wie eine Marionette, die an ihren Fäden ein Stück höher schwingt als sonst. Als ich hinaus in die Herbstluft trete, verspüre ich eine sehr tiefe Entspannung. Noch habe ich keine abschließende Meinung zum Schamanismus gebildet, doch was ich erfahren habe, fand ich spannend und das Ritual war sehr eindrücklich. Wohin es mich gebracht hat, ist schwer zu sagen. Aber noch am Abend werde ich den Geist von Mapacho in meinen Haaren riechen.



Text und Bilder von Annekatrin Stoll für eine Reportage im Rahmen eines Seminars an der Hamburger Akademie für Publizistik mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung hier im Blog. Herzlichen Dank!





bottom of page