Begegnungen im Geist des Fliegenpilzes ~ Wintercamp an der Lokfelder Brücke
- Thomas Börner

- 18. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Tag
Anfang Januar durfte ich Teil eines ganz besonderen Wochenendes sein und folgte der Einladung des Treffpunkt Lokfelder Brücke, im Rahmen des Wintercamps einen Fliegenpilz-Kreis zu halten. Was daraus entstand, war weit mehr als ein Vortrag.
Schon bei meiner Ankunft lag eine besondere Stimmung über dem Ort. Die Felder ruhten unter dem grauen Winterhimmel, die kahlen Bäume zeichneten sich wie alte Wächter gegen die Landschaft ab und aus dem Saal des Treffpunktes drang der Duft von Feuerholz. Es war der zweite Tag in diesem neuen Jahr, und einer jener, an denen die Natur besonders still ist und gerade deshalb besonders viel zu erzählen hat. Es begann heftig zu schneien und Zentimeter für Zentimeter wurde alles in weiße Watte gepackt.
Wir versammelten uns am frühen Abend in einem Kreis aus Menschen unterschiedlichster Hintergründe und ich war berührt davon, dass so viele der Einladung zum Kreis gefolgt sind.
Einige kannten den Fliegenpilz bereits aus eigener Erfahrung, manche waren mit konkreten Fragen gekommen, andere folgten einfach einer inneren Neugierde.
Mit der ersten Kreisrunde und dem Einsammeln der Fragen der Teilnehmer wurde sofort klar: Das würde kein klassischer Vortrag werden.
Wir sprachen über die Biologie des Fliegenpilzes, über seine Rolle in alten Kulturen, über Mythologie und Volksglauben. Wir betrachteten die vielen Geschichten, die sich um Amanita muscaria ranken, und tauschten Erfahrungen darüber aus, wie diese alte Medizin auch heute noch Menschen berühren kann.
Besonders bewegend waren die persönlichen Beiträge aus dem Kreis. Immer wieder entstanden Momente, in denen die Gruppe ganz still wurde. Geschichten von Krisen und Wendepunkten wurden geteilt. Von Begegnungen mit der Natur. Von Träumen. Von Verlust und Heilung.
Es war spürbar, dass der Fliegenpilz Menschen oft nicht deshalb ruft, weil sie Antworten suchen, sondern weil sie bereit werden, den richtigen Fragen zu begegnen.
Zwischen fragen und hinterfragen, scherzten wir auch wir viel. Genau so hatte ich mir diesen Kreis gewünscht: lebendig, offen, undogmatisch.
Draußen war es inzwischen dunkle Nacht geworden und der unaufhörlich fallende Schnee drängte diejenigen, die mit dem Auto da waren, dazu, lieber frühzeitig die Heimreise anzutreten. Wir anderen gingen gemeinsam zum Abendessen über.
Es wurde gegessen, erzählt und weitergesponnen, was sich im Kreis gezeigt hatte. Fremde Menschen wirkten längst nicht mehr fremd. Das Motto des Treffpunktes Lokfelder Brücke – "Brücken bauen, Menschen verbinden" – wurde an diesem Abend unter dem Schirm von Amanita auf ganz natürliche Weise lebendig.
Vor dem Schlafengehen wurden noch die beiden Ziegenbabys versorgt, die zur Zeit von den helfenden Händen der Menschen im Treffpunkt aufgezogen werden. Sicherlich könnt ihr euch vorstellen, dass die zwei kleinen Energiebündel nicht nur für mich, sondern für alle Gäste besondere Attraktion waren.

Am nächsten Tag wartete bereits der nächste Höhepunkt des Wintercamps auf uns.
In Menies Schwitzhütte
Wer schon einmal an einer Schwitzhütte teilgenommen hat, weiß, dass man darüber eigentlich nur begrenzt schreiben kann. Ein Teil dieser Erfahrung entzieht sich den Worten.
Schon die Vorbereitung ist Teil des Rituals. Holz wurde bewegt, Steine getragen, Feuer gehütet. Jede Handlung hat ihre Bedeutung. Nicht als Arbeit, sondern als Gebet. Und alle helfen mit.
Die Wetterbedingungen verliehen diesem Tag und der Zeremonie eine ganz besondere Magie. Die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt, und während des gesamten Tages fiel unaufhörlich Schnee. Große, weiche Flocken tanzten vom Himmel und legten sich wie ein stiller Segen über die Landschaft. Alles wirkte gedämpft, entschleunigt und gleichzeitig unglaublich fokussiert.
Das Weiß des Schnees, der Rauch des Feuers vor dem Hintergrund des sich früh dunkelnden Himmels und die roten Fliegenpilze, die uns durch das Wochenende begleiteten, schufen eine Atmosphäre, die fast märchenhaft wirkte.
Als wir schließlich am Abend die Schwitzhütte betraten, blieb die winterliche Welt draußen zurück. Die Dunkelheit im Inneren stand in einem eigentümlichen Kontrast zu der hell reflektierenden, verschneiten Landschaft vor der Tür. Während draußen lautlos die Flocken fielen, glühten drinnen die Steine und erfüllten den Raum mit ihrer uralten Kraft.
Gebete wurden gesprochen. Lakota-Lieder erklangen. Manche Menschen begegneten ihren Erinnerungen, andere ihren Sehnsüchten. Es wurde gelacht, geweint, geschwiegen und losgelassen. Die Hitze schien alles Überflüssige Schicht für Schicht abzutragen.
Irgendwann entstand jener Zustand, den ich an Schwitzhütten so liebe: Wenn Rollen, Geschichten und Masken für einen Moment verschwinden und nur noch Menschlichkeit übrig bleibt, während die Spirits uns alle umtanzen und berühren.
In der letzten Runde hatte ich das Gefühl, als würde die ganze Hütte atmen. Nicht als einzelne Teilnehmer, sondern als Gemeinschaft. Verbunden mit der Erde unter uns, der Glut des Feuers draußen und dem Himmel über uns.
Als ich wieder hinauskroch, wirkte die Winterluft beinahe unwirklich klar. Müde. Durchgeschwitzt. Dankbar.
Besonders berührend war für mich, dass wir den Spirit von Amanita ganz bewusst mit in die Zeremonie eingeladen haben. Der Fliegenpilz war dann nicht mehr nur Thema eines Gesprächskreises bzw. Gegenstand von Wissen. Er wurde als lebendige Kraft gewürdigt, als Verbündeter, Lehrer und Begleiter auf dem Weg nach innen.
Für mich brachte Amanita in dieser Zeremonie berührende Visionen mit sich. In einem Moment zeigte sich eine Folge magischer innerer Bilder. Farben begannen zu tanzen. Regenbogenfarben. Leuchtend, lebendig und von einer Schönheit, die sich kaum in Worte fassen lässt.
Während ich diese Eindrücke wahrnahm, entstand in mir eine tiefe Erkenntnis, die weniger Gedanke als unmittelbares Erleben war:
Der Große Geist ist in allem.
Und alles ist im Großen Geist.
Die Regenbogenfarben erinnerten mich daran, wie weißes Licht sich in seine vielen Farben brechen kann, ohne jemals aufzuhören, Licht zu sein. Jede Farbe besitzt ihre eigene Schönheit und ihren eigenen Ausdruck. Und doch sind sie alle Teil derselben Quelle.
So wie jedes Wesen, jeder Mensch, jeder Baum, jedes Tier und jeder Stein Ausdruck desselben großen Geheimnisses ist.
So endete ein Wochenende voller Begegnungen, Gebete und gemeinsamer Erfahrungen. Ich bin Menie von Herzen dankbar für die Einladung und die liebevolle Gestaltung dieses besonderen Wintercamps. Ebenso danke ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die bereit waren, ihre Geschichten, Fragen und Herzen mit in den Kreis zu bringen.
Solche Wochenenden erinnern mich daran, warum Gemeinschaft heilsam sein kann.
Website des Treffpunkt Lokfelder Brücke: http://www.lokfelder-bruecke.de/



















